Zu all den zahlreichen Superhelden, die aktuell einen sehr starken Hype genießen, ist noch einer dazu gestoßen. Brauchen wir wirklich noch einen Helden? Immerhin gibt es Helden in alle Himmelsrichtungen, die eine sehr große Palette an Fähigkeiten abdecken. Meine Zweifel waren also berechtigt. Da kannte ich aber Deadpool noch nicht, denn er nimmt die typischen Merkmale aller Superheldenfilme und schmeißt sie mit einem Augenzwinkern auf den Scheiterhaufen. Der Film schafft es, seinen ganz eigenen Weg zu gehen und sich vom Rest tatsächlich abzugrenzen, und das mit einem Inferno an Mitteln, die zum Teil deutlich unter die Gürtellinie gehen und trotzdem nicht niveaulos oder geschmacklos wirken. Wie er das macht? Darum geht es in diesem Beitrag.

Inhalt

Der ehemalige Special Forces Soldat und jetziger Söldner Wade Wilson verdient sein Geld mit kleinen Aufträgen. In einer Bar, speziell für Söldner, lernt er Vanessa – eine Professionelle – kennen, in die er sich kurzerhand verliebt. Nach ca. einem Jahr glücklicher Beziehung und sehr viel Matratzensport bricht Wade plötzlich zusammen. Der Arzt diagnostiziert Krebs im Endstadium. Während Vanessa versucht, die Hoffnung nicht zu verlieren, gibt Wade auf und lässt sich auf eine skrupellose Organisation ein, die ihm anbietet, auf unkonventionelle Weise den Krebs zu heilen. Nach einer schwierigen Prozedur erlangt Wade extreme Selbstheilungskräfte und wird zu seinem Alter Ego Deadpool. Doch seine Gabe bringt schwere Nachteile mit sich.

Der nun nicht tot zu kriegende Söldner verfolgt auf seine komplett verrückte Art die Organisation, da er die Hoffnung hat, dass diese Nebenwirkung aufzuheben sei. Dabei bedient er sich, ganz anders als die meisten seiner geglätteten Superhelden-Kollegen, auch unheldenhaften Methoden und durchbricht die „Vierte Wand“, wie wenn sie aus Pappe wäre. Hilfe bekommt er dabei von zwei Mitgliedern der X-Men, in deren Universum der Plot spielt.

Deadpool - Vorbereitung zum Kampf
Vorbereitung zum Kampf

Wo ist nur diese vierte Wand, von der alle reden?

Stellen wir uns mal eine typische Sitcom vor. Meist sitzen die Protagonisten auf der Couch im Wohnzimmer. In diesem Wohnzimmer sehen wir in der Regel drei Wände: die linke, die rechte und die Wand hinter den Figuren. Als vierte Wand wird die „unsichtbare“ Wand bezeichnet, die uns, die Zuschauer, von den Figuren trennt. Während wir durch sie hindurch das Geschehen beobachten, ist sie für die Figuren real. Deadpool aber ist bewusst, dass er eine Film- (bzw. Comic-)figur ist, weshalb er immer wieder die vierte Wand durchbricht und sogar zum Publikum redet. Deswegen kann Deadpool z.B. darüber meckern, dass ihn dieses ganze Zeitlinienchaos bei den X-Men sehr verwirrt. Dieses Prinzip ist die Grundlage für eine große Menge an richtig coolen und ausgeflippten Witzen und lustigen Szenen. Unter anderem durchbricht auf die bekannte Serie „Family Guy“ oft die vierte Wand.

Review

Frischer Wind auf dem Regie-Stuhl

Als ich hörte, dass Tim Miller als Regisseur gewählt wurde, wuchsen meine Zweifel noch etwas weiter. Wie seine Filmographie zeigt, hat er in der Regie nicht die größte Erfahrung, wobei eines seiner Kurzfilme sogar zum Oscar nominiert wurde. Erfahrungen mit Marvel konnte er bereits durch „Thor – The Dark Kingdom“ sammeln, hier hat er die Eingangsszene als Second Unit Director inszeniert. Doch im Nachhinein zeigt sich, dass diese Wahl wahrscheinlich genau die richtige war, denn er ging die Sache auf seine ganz eigene Art und Weise an, was u.a. zur Einzigartigkeit des Films beigetragen hat. Das alles hätte aber nicht gereicht, wenn folgende Person nicht dabei gewesen wäre.

Deadpool - Wade und Vanessa (Morena Baccarin)
Wade und Vanessa (Morena Baccarin)

Oh Oh – wird hier ein großer Fehler wiederholt?

Ryan Reynolds liefert in diesem Film (mal wieder) ein Meisterwerk an Schauspiel ab. Es reichen schon ein paar Minuten, um den Schauspieler mit seiner Figur zu verschmelzen. Man sieht in jeder Sekunde, dass er in dieser Rolle richtig aufgeht, zudem möchte man niemand anderen mehr in der Rolle des Deadpool sehen. Es passt einfach von vorne bis hinten. Sehr gütig war es von Fox, ihm diese Chance zu geben, nachdem Reynolds doch im Gebiet der Superhelden zwei riesige Flops hinter sich hat.

Der erste war der frühere äußerst scheußliche und katastrophale Versuch, Deadpool im Universum der X-Men zu etablieren („X-Men Origins: Wolverine„). Was hat sich Fox damals nur gedacht? Ein sich teleportierender „Deadpool“ mit Laser-Augen, Schwertern, die aus den Armen wachsen, und das Schlimmste: der zugenähte Mund! Wo war da der charmante Söldner mit der großen Klappe?! Nicht umsonst ernteten die Macher einen gewaltigen Shitstorm seitens der Comicleser. Der zweite Flop war „Green Lantern“, hier blieb der finanzielle Erfolg aus und der Film stieß auf schlechte Kritiken. Meiner Meinung nach war er zwar nicht perfekt, wurde aber doch etwas zu scharf kritisiert. Sogar Deadpool nimmt im Film sich selbst (also eigentlich Ryan Reynolds) aufs Korn und besteht darauf, bloß keinen grünen oder animierten Heldenkostüm zu bekommen.
Reynolds ergreift diese Chance und bügelt seine Fehler nicht nur wieder aus, er schießt weit über das Ziel hinaus. Dass er für solch eine verrückte Figur geeignet ist, kann man z.B. in „The Voices“ sehen, wo er einen Schizophrenen spielt und sich von seiner Katze zum Morden überreden lässt. Auch Reynolds‘ restliche Filmographie spricht für sich.

Deadpool - Ajax genießt die Folter
Ajax genießt die Folter

Kleine Story – na und?

Bei der hohen Frequenz an Sprüchen und Easter Eggs stellt sich die Frage, wieviel Platz denn noch für die Story bleibt, und das zurecht. Der Plot des Films könnte auch innerhalb 40 Minuten erzählt werden. Die erzählte Geschichte ist ziemlich geradlinig, vorhersehbar und recht simpel. Wie Wade Wilson zu Deadpool wurde, wird in Flashbacks erzählt, die den Film über eingestreut werden. Man muss sich nun fragen: Ist es wirklich so schlimm, wenn der Plot nichts Bombastisches erzählt? Wir sind mittlerweile so verwöhnt, vor allem bei Superhelden, denn es geht meist darum, eine globale Katastrophe zu verhindern und Super-Bösewichte zu besiegen, die die Weltherrschaft an sich reißen wollen. Deadpool erzählt stattdessen nur eine kleine Geschichte – und das ist auch gut so. Es ist nicht nötig, weil das Konzept auch so aufgeht.

Der Film ist R-Rated und somit für Kinder nicht geeignet. Das ist keine Überraschung, da Deadpool sowohl gewalttätige als auch „erwachsene“ Szenen hat. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie das Ergebnis aussehen würde, wenn alles kindgerecht entschärft worden wäre.
Einerseits finde ich es schade, dass man die Verbindung zu den X-Men lediglich durch Colossus und seine pubertäre Praktikantin herstellt, andererseits finde ich genau das irgendwie genial, denn Deadpool hat einfach kein Interesse an der Gruppierung von Mutanten und zeigt es auch ganz deutlich.

Deadpool - Die pubertäre Praktikantin der X-Men (Brianna Hildebrand)
Die pubertäre Praktikantin der X-Men (Brianna Hildebrand)

Held oder Antiheld? Deadpool.

Deadpool ist bei weitem nicht so ein Held wie die freundliche Spinne aus der Nachbarschaft. Bereits am Anfang beschreibt Deadpool selbst, kurz nachdem er aus einem Gegner „einen Schaschlik-Spieß“ gemacht hat, den Film als eine etwas andere Superhelden-Geschichte. Der Begriff Antiheld passt hier, denn obwohl er einen Menschen nach den anderen tötet, gewinnt man ihn wirklich lieb. Dies liegt vor allem an der schauspielerischen Leistung von Ryan Reynolds. Einerseits macht er Witze, die teils flach und pubertär sind, teils mit mehr Tiefe kommen. Andererseits kauft man Reynolds immer ab, dass hinter dieser selbstironischen Fassade auch ein weicher und verletzlicher Kerl sich zu verstecken versucht.

Die restlichen Figuren scheinen etwas zu einseitig konzipiert worden zu sein, wobei oft auch die Motivation der Figuren unzureichend skizziert wurde. Colossus ist ein Moralapostel und hält durchgehend Reden über das Heldentum. Teenage Negasonic Warhead ist wahrscheinlich gerade in die Pubertät gekommen und ist eigentlich durchgehend genervt, was Deadpool natürlich als Zunder für ein paar Sprüche nutzt. Ajax scheint einfach böse der Bosheit willen zu sein. Der Freund und Barkeeper nimmt eigentlich nie etwas ernst. Vanessa – nun ja, sie ist perfekt, was in jeder Szene betont wird. Man merkt schnell, dass die restlichen Figuren in der Regel nur eine oder zwei Charaktereigenschaften besitzen, welche aber dann überspitzt werden. Mein persönlicher Favorit, neben Deadpool, ist Blind Al, eine blinde alte Dame, die mit Deadpool in einer WG lebt.

Deadpool - Ein etwas anderer Held
Ein etwas anderer Held

Fazit

5 Bro Fists

Dieser Film ist auf Anhieb mein absoluter Lieblingsfilm geworden und ich habe ihn bestimmt vier mal gesehen, trotzdem finde ich bei jedem Schauen noch ein paar Kleinigkeiten, die das Gesamtbild des Films so gut abrunden. Es scheinen alle Komponenten genau aufeinander abgepasst und kompatibel zu sein. Ryan Reynolds liefert ab. Der Regisseur geht seinen eigenen Weg, weg vom Mainstream. Das Konzept des Durchbruchs der vierten Wand geht auf und ist unabdingbar für den Charme des Films. Dass die anderen Figuren etwas zu kurz kommen, schmerzt nicht wirklich, denn so hat unser Hauptstar mehr Raum zum Austoben. Von mir bekommt dieser Film 5 von 5 Bro Fists.

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