Plakat - Die defekte Katze

Regisseur: Susan Gordanshekan
Besetzung: Pegah Ferydoni, Hadi Khanjanpour
Produktionsland: Deutschland
Kinostart: 04.10.2018
Filmlänge: 97 min
Drehbuch: Susan Gordanshekan
Altersfreigabe: FSK 6
Verleih: Alpenrepublik GmbH

Eine arrangierte Ehe – dieser Begriff ist in unserer heutigen deutschen Gesellschaft sehr negativ konnotiert. Die meisten verbinden damit Unterdrückung, Zwang und eine archaische Sicht auf die Ehe. Doch dass es nicht immer so sein muss, zeigt uns Susan Gordanshekan mit diesem Film.

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Trailer

Inhalt

Mina lebt im Iran und ist studierte Elektrotechnikerin. Sie ist Mitte 30 und immer noch nicht verheiratet, was in der iranischen Kultur missbilligt wird. Kian geht es ähnlich. Der Assistenzarzt ist in Deutschland aufgewachsen und findet trotz seiner starken Bemühungen keine passende Partnerin. Aufgrund des Drucks der Gesellschaft und ihrer Eltern, aber auch weil sie die Hoffnung verloren haben, einen passenden Partner zu finden, entscheiden sie sich für eine arrangierte Ehe. Sie werden nicht gezwungen, es ist ihre eigene und aktive Entscheidung. In Deutschland angekommen muss sich Mina an die neue kulturelle Umgebung gewöhnen.

Mina vor dem Schwimmbad - Die defekte Katze
Mina vor dem Schwimmbad

Die Beziehung zu Kian ist sehr distanziert, es sind ja immerhin zwei Fremde, die sich das erste Mal auf ihrer eigenen Hochzeit im Iran kennengelernt haben. Im Laufe des Films versuchen beide, sich näher zu kommen, was nicht jedes Mal funktioniert. Dann kauft Mina auch noch eine Katze mit einem Gendefekt, ohne es mit Kian abzusprechen, was zu mehreren Konflikten führt. Mina ist eigentlich sehr modern und entdeckt nach und nach die Freiheiten in Deutschland, die sie im Iran nicht hatte. Sie geht schwimmen in gemischten Bädern, besucht eine Disco und tanzt und trinkt dort.

Kian und Mina im Schwimmbad - Die defekte Katze
Kian und Mina im Schwimmbad

Eine Anfängerin auf dem Regiestuhl

Susan Gordanshekan gibt mit diesem Film ihr Kinospielfilmdebüt. Sie ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Gordanshekan sammelte bisher Erfahrungen durch Kurz- und Dokumentarfilme und gewann auch diverse Filmpreise. Für den Film „Die defekte Katze“ bekam sie die Auszeichnung „Deutscher Regiepreis METROPOLIS vom Bundesverband Regie als beste Nachwuchsregisseurin“.

Die Idee zum Drehbuch kam aus ihrem eigenen Leben, denn auch die Ehe ihrer Eltern wurde im Iran arrangiert. Das bewegte Gordanshekan dazu, über dieses überaus kontroverse Thema nachzudenken. Aus diesen Überlegungen entstand das Drehbuch zum Film. Sie betonte aber in Interviews, dass ihr Film keine besondere Kritik an dieser Tradition ausüben soll, sondern eher eine einfache Liebesgeschichte erzählt, wenn auch anders und fremdartig für das deutsche Publikum.

Der Cast

Pegah Ferydoni als Mina

Pegah Ferydoni ist vor allem bekannt aus der erfolgreichen Comedy-Serie „Türkisch für Anfänger“ in der Rolle der „Yagmur Öztürk“. Außerdem spielte sie in Filmen wie „Woman Without Man“ und „Zweiohrküken“ mit. Ihre Filmographie ist wirklich lang. Auch sie bekam im Laufe ihrer Karriere mehrere Auszeichnungen für ihre Arbeit.

Mina - Die defekte Katze
Mina

Ferydoni kam mit ihrer Familie nach Deutschland, als sie zwei Jahre alt war. Sie entstammt einer Künstlerfamilie. Ihre Eltern waren sehr liberal sowie gegen das iranische Regime und wollten ihre Tochter deshalb nicht im Iran aufziehen. Für den Dreh des Films brauchte Ferydoni einen Sprachcouch, da sie selbst kaum Farsi (die persische Sprache) spricht.

Hadi Khanjanpour als Kian

Hadi Khanjanpours Karriere fing im Theater an. Zudem durfte er mehrere Nebenrollen in Serien wie „Tatort“ besetzen. Mit diesem Film bekam er seine erste Hauptrolle in einem Kinofilm. Er ist in Teheran geboren und flüchtete mit fünf Jahren aus dem Iran.

Review

Warum interessiert mich dieser Film?

Der Film hat mich schon allein wegen meines kulturellen Hintergrunds interessiert. Meine Eltern sind Kurden aus der Türkei, wo arrangierte Ehen vor allem früher, aber auch heute noch, etwas ganz normales und gängiges sind. Diese Tradition wurde teilweise nach Deutschland mitgebracht, wie man es auch im Film sieht. Deswegen ist die ganze Thematik nicht einfach nur aus der Luft gegriffen, sondern durchaus etwas Reales.

Auch in meinem Familienkreis gibt es Ehen, die arrangiert wurden. Manche verliebten sich und leben nun ein glückliches Leben. Andere wiederum sind geschieden und leben jetzt ein Leben mit einem Partner, den sie erst kennengelernt, dann lieben gelernt haben. Eine solche Ehe ist also eigentlich wie Lotto Spielen, es kann funktionieren, muss aber nicht. Um es in der heutigen Zeit verständlich auszudrücken: Es ist wie ein Tinder-Date, nur dass man statt einer Nacht ein ganzes Leben miteinander verbringen soll. Für mich persönlich kommt eine arrangierte Ehe auf keinen Fall infrage, und da stehen meine Eltern voll und ganz hinter mir.

Das Ehepaar beim Möbelkauf - Die defekte Katze
Das Ehepaar beim Möbelkauf

Die Crew leistet ganze Arbeit

Obwohl für mich dieser Brauch also nichts Fremdes ist, löst der Film in mir sehr gemischte Gefühle aus. Die Regisseurin schafft es sehr gut, den Film so zu inszenieren, dass man fast durchgehend ein befremdliches Gefühl hat. Die Atmosphäre ist sehr angespannt, man kann die Spannung fast schon greifen. Wenn Kian seinen ersten Annäherungsversuch im Bett macht, fühlt es sich einfach nicht richtig an, es wirkt unnatürlich. So geht es auch der Protagonistin, denn sie stößt ihn weg. Der erste Versuch scheitert also, doch Kian respektiert und akzeptiert das.

Man sieht auch nicht wirklich den Versuch beider, sich intensiv kennenzulernen. Die ganze Beziehung ist ziemlich oberflächlich, unwichtige Fragen wie, wer auf welcher Seite im Bett schläft, dominieren. Allgemein wird im Film nicht wirklich viel gesagt. Wer ausführliche und bedeutungsschwere Dialoge erwartet, wird definitiv enttäuscht. Die Schauspieler kriegen es aber auch ohne Worte hin, zwei Fremde zu spielen, die nun plötzlich ihr ganzes Leben miteinander teilen wollen. Es wird im Film viel Inhalt über Körperhaltung, Mimik und Gestik vermittelt.

Kian und Mina auf der Kirmes - Die defekte Katze
Kian und Mina auf der Kirmes

Die Szene, in dem beide das erste Mal Sex haben, irritierte mich allerdings etwas, da der Film als FSK 6 eingestuft wurde. Ich denke nicht, dass Sechsjährige eine solch intime und intensive Liebesszene mit viel nackter Haut (wie typisch für einen deutschen Film) sehen sollten. Meiner Meinung nach ist man in dem Alter noch nicht reif genug und es könnte Probleme bei der Verarbeitung des Gesehenen geben. Aber vielleicht bin ich auch einfach nur zu altmodisch, zumindest wird mir das oft gesagt.

„Die Katze ist kaputt!“

Mina und Kian kommen sich also hier und da näher, doch es entstehen auch viele Streitpunkte. Es fängt schon an, wenn sie in einen Möbelladen gehen, um ihr Wohnzimmer auszustatten. Die Hauptdarsteller haben nach eigener Aussage bewusst keine richtigen körperlichen Proben durchgeführt, um eben diese Beziehung zwischen zwei Fremden noch besser darzustellen. Als Mina dann die titelgebende defekte Katze mit nach Hause nimmt, entstehen dadurch noch mehr Konflikte. Diese kaputte Katze ist einerseits wie Mina, also eigensinnig und aus Augen der Gesellschaft nicht „normal“. Sie ist aber auch eine Verkörperung der Beziehung zwischen den beiden Protagonisten, die nicht so richtig funktionieren möchte.

Mina mit der kaputten Katze - Die defekte Katze
Mina mit der kaputten Katze

Zu all den Schwierigkeiten kommt noch, dass Mina wegen ihrer Jobsuche sehr frustriert ist. Aufgrund ihrer mangelnden Deutschkenntnisse kriegt sie eine Absage nach der anderen. Ihr Mann erklärt ihr, dass ihre Zertifikate aus dem Iran in Deutschland kaum etwas wert sind. Im gleichen Atemzug erzählt er aber, dass er sich auf eine Oberarztstelle bewirbt, was nicht gerade von Einfühlungsvermögen zeugt.

Der Abbau kultureller Hemmungen

Mina im Bikini - Die defekte Katze
Mina im Bikini

Man sieht im Film gut, wie Mina sich in Deutschland einlebt und Freiheiten wahrnimmt, die sie im Iran nicht hatte. Trug sie im Iran noch ein Kopftuch aus gesetzlichem Zwang, schwimmt sie in Deutschland in einem gemischten Bad mit einem Bikini. Nach und nach baut sie ihre Hemmungen ab, auch wenn es ihr erstmal nicht leichtfällt. Sie träumt z.B., wie sie im Schwimmbad von ihren Landsfrauen mit extrem vorwurfsvollen Blicken beäugt wird. Überhaupt sind die Szenen im Schwimmbad sehr wichtig für Minas Charakterentwicklung. In diesem Traum springt sie nämlich ins Wasser und taucht ab. Unter Wasser trifft sie auf Kian und sie sind in ihren Hochzeitskleidern. Sie flüchtet vor diesen Blicken, aber auch vor ihrer Kultur und deren Sitten, doch mit dieser Flucht gehen auch Verpflichtungen gegenüber ihrem Mann einher.

Auch Kian hat, mit so manchen Aktionen von ihr, starke Probleme, obwohl er doch in Deutschland aufgewachsen ist und z.B. auf eine moderne Couch besteht. Bei ihm sieht man, dass man zwar in die Gesellschaft sehr gut integriert sein, doch trotzdem die Herkunftskultur nicht ganz ablegen kann. Ich kann das teilweise nachvollziehen. Ich schätze die Freiheit hier in Deutschland und sehe mich selbst als integriert und ich würde sogar sagen, ich bin eigentlich mehr deutsch als kurdisch. Doch die Kultur meiner Eltern könnte ich nie ganz ablegen und ich will es auch gar nicht, denn das macht meine Persönlichkeit aus.

Fazit

4 Bro Fists

Einen Punkt Abzug gibt es, weil es leider ein paar Längen gibt, die dann doch ein klein wenig langweilen. Doch alles in allem schafft der Film mit wenig Worten viel auszusagen, was eine Leistung der Schauspieler ist, die man respektieren sollte. Vor allem Ferydoni macht diesen Film sehenswert, da sie in ihrer Rolle aufgeht. Das besondere an diesem Film ist, dass er gar nicht so sehr auf die Geschlechterrollen dieser Kultur eingehen möchte, wie es viele Filme vorher schon behandelt haben. Es geht hier auch nicht um das Klischee einer Ehe, in der der gewalttätige orientalische Mann seine Frau unterdrückt und verprügelt. Einzig und allein die Beziehung und der Alltag dieser zweien Menschen, die es aufgegeben haben, ihre große Liebe eigenständig zu finden, steht im Mittelpunkt.

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